Regionale 26

30.11.2025  —
25.1.2026

Ce qui traverse


Shadwa Ali, Nils Amadeus Lange und Mario Espinoza, Hannah Cooke, Sonja Feldmeier, Georg Gatsas, Bettina Grossenbacher, Victoria Holdt, Daniel Karrer, Karin Kurzmeyer, Josefina Leon Ausejo, Fabio Luks, Elia Menang Setiadi, Miriam Schmitz, Marcia Tello Cornejo, Helena Uambembe, Noémie Vidonne und Chi-Hun Yang

Sie gehen über Grenzen, lassen Bekanntes zurück und brechen in neue Länder auf, die für kürzer oder länger ihr Zuhause werden. Kunstschaffende lassen auch meist das starre Denken oder Meinungen hinter sich, um mit beweglichen, neuen Gedanken und damit Werken, in die Zukunft zu gehen, oft allen Ängsten und Zweifeln zum Trotz. Denn ein Neuanfang ohne die Sicherheiten von Wänden und Strukturen kann Unsicherheiten auslösen. Daher sind es gerade die Kunstschaffenden, die uns zeigen können, wie wir ein Verständnis von Durchlässigkeit und Beweglichkeit erhalten können. Ideen, die durch Wände gehen können und sowohl politisch, ökologisch, architektonisch als auch sozial neue Impulse setzen können.

Die eingeladenen Künstler*innen leben und arbeiten in der tri-nationalen Region, sind sowohl in Frankreich, Deutschland oder der Schweiz aufgewachsen als auch in Spanien, Italien, Südafrika, Peru, Ägypten oder Südkorea und erfahren hier im Dreiländereck fast täglich, wie schnell Grenzen passiert werden können, die anderorts unumstössliche, gefährliche Hürden sind. Sie lassen Geräusche, Licht oder Wärme durch Räume gleiten, lassen Wände und Mauern zu Membranen werden, die einen Blick dahinter ermöglichen.

Daher bespielt die aktuelle Ausgabe – ganz im Sinne der Durchdringung – sowohl das Obergeschoss des neuen Kunsthaus Baselland als auch die benachbarte TransBona-Halle sowie den Ausstellungsraum des Atelier Mondial, mit welchem die Regionale zusammen kuratiert und realisiert wurde. In ihren Werken und grossen Installationen erzählen die 17 eingeladenen Künstler*innen von politischen, ökologischen, gesellschaftlich-sozialen Hürden, aber auch von Möglichkeiten des darüber Hinwegarbeitens, - gehens, - denkens.

Wenn Gedanken von nichts aufgehalten werden, können sie Schwung holen, sich von einem Ort zum Nächsten bewegen und ihre Richtung ändern. Wenn Kunst sich ausbreiten kann, kann sie wachsen – über Grenzen, Räume, Ideen – und durch alles hindurchgehen.

Die Regionale ist eine jährliche Gruppenausstellung, entwickelt im Kontext einer grenzüberschreitenden Kooperation von 18 Institutionen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz mit dem Fokus auf lokale, zeitgenössische Kunstproduktion in der Drei-Länder-Region um Basel.

KuratorIn: Ines Goldbach, Alexandra Stäheli (Atelier Mondial), Ines Tondar

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Shadwa Ali, How Basel changed the world, 2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Die in Alexandria (Ägypten) lebende Künstlerin Shadwa Ali verbrachte im Frühling 2025 eine dreimonatige, von Pro Helvetia unterstützte Residency bei Atelier Mondial; während dieser Zeit setzte sie ihr im Jahr 2022 begonnenes Klangprojekt Fireball fort – eine laufende Klangforschung zu urbanen Klanglandschaften, die eine Kartografie der Auswirkungen von Stadtplanung in Metropolen auf psychische Gesundheit und soziales Verhalten ihrer Einwohner*innen entwirft. Dabei erforscht die Künstlerin, wie sich die Wahrnehmung und Definition von «Lärm» zwischen Metropolen unterscheidet, wo das kulturelle Gefüge von musikalischen Rhythmen durchzogen ist und Menschen selbst zu Instrumenten werden, mit denen sich Zukunft neu denken und gestalten lässt. Shadwa Alis Soundinstallation Wie Basel die Welt veränderte (2025) ist zu einem dichten Klangteppich geworden, einen klingenden Porträt der Schweiz, in dem Stadtgeräusche, insbesondere Baustellen, subtil und harmonisch mit Klängen der Natur verwoben werden. Der Titel des Tracks ist inspiriert von dem Buch How Basel Changed the World beziehungsweise Kleine Basler Weltgeschichte von Daniel Hagmann und Matthias Buschle, das die Rolle der kleinen Schweizer Stadt Basel als global wirksames Zentrum von Bankwesen, Pharmazie, Kunst und Bildung in verschiedenen Momenten der Geschichte untersucht. Es beschreibt Basel als stillen Motor, der die internationale Finanzwelt, Kultur und wissenschaftliche Innovation massgeblich prägt. Inspiriert durch das Buch sowie durch tägliche Spaziergänge und Klangaufnahmen in Basel und zahlreichen anderen Städten, Dörfern und Kleinstädten der Schweiz habe sie versucht – wie Shadwa Ali in einem Statement erläutert –, die Klanglandschaften und Geräusche der Schweiz einzufangen. Dabei sei ihr bewusst geworden, dass das Konzept und die Wahrnehmung von Lärm regional stark variieren und sich selbst innerhalb eines Landes in Städten, Dörfern und Kleinstädten sehr unterschiedlich zeige. [Text von Alexandra Stäheli]

Shadwa Ali (*1990, in Alexandria, EGY) lebt und arbeitet in Alexandria, Ägypten.

Bereits der Titel der Performance erzählt von einem Dialog, der sich auf das Gegenüber ganz und gar einzulassen vermag: Just the two of us. Diese einmalig durchgeführte Performance haben Nils Amadeus Lange und Mario Petrucci Espinoza explizit für das Kunsthaus anlässlich der Museumsnacht entwickelt. Sie nehmen dabei Bezug auf Paartänze, beziehen auch Sprache, Gesang und Kostüm mit ein – und doch ist sie zugleich mehr als nur ein zwischenmenschlicher Dialog. Mit Just the two of us setzen sich beide Kunstschaffenden und Performer ebenso mit dem Raum, der sie unmittelbar umgebenden Architektur auseinander, die sie körperlich-sinnlich erfahren. Aus dem Moment heraus entwickeln sich dabei Gesten, Bewegungen, Entdeckungen. Und auch für die Zuschauer*innen liegt die volle Konzentration auf dem Moment, der durch diese Performance erfahrbar wird und danach unwiederbringlich vergeht. Ähnlich einem Soundfield durchströmt die Performance mit Tanz, Bewegung, Sprache und Musik wellengleich das gesamte Kunsthaus – seine Architektur, die darin ausgestellten Werke, aber auch die Menschen darin. Im gemeinsam erlebten Augenblick können sich neue, ungewohnte, poetische Sichtweisen öffnen. Denn statt der Ratio ist es gerade oftmals der emotionale Zugang, den die beiden Performer Lange und Espinoza über Körper, Tanz, Sprache und Musik als eine (neue) Form des Zugangs zu (vermeintlich) Bekanntem anbieten. [Text von Ines Goldbach]

Nils Amadeus Lange (*1989 in Köln, DE) lebt und arbeitet in Zürich, Schweiz. Mario Espinoza (*1995 in El Tigre, VE) lebt und arbeitet in Zürich, Schweiz.

[Die Performance findet zur Museumsnacht am Freitag, 23. Januar 2026, um 20 Uhr statt]

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Hannah Cooke, Red Flags, 2023. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Den Titel des Werks Red Flags von Hannah Cooke assoziieren wir vermutlich zunächst mit dem zeitgenössischen Codewort, mit dem im zwischenmenschlichen Verhalten insbesondere vor Machtmissbrauch, Misogynie und toxischer Männlichkeit gewarnt wird. In ihrer künstlerischen Praxis setzt sich Hannah Cooke mit feministischen Themen auseinander und hinterfragt das System Kunstbetrieb sowie wer darin eine Stimme erhält. Die im Kunsthaus Baselland gezeigten Textilien reagieren auf Pablo Picassos Geniestatus im Kunstbetrieb und kritisieren seinen problematischen Umgang mit Frauen. Dabei bezieht sich die Künstlerin auf Picassos Radierung Minotaurus eine Frau vergewaltigend aus der Suite Vollard, in der sich der Künstler als Minotaurus inszeniert. Die drei roten Fahnen der Serie Red Flags mit den Titeln Wir müssen uns Sisyphos als eine glückliche Frau vorstellen, Den Stier bei den Hörnern packen und Schultern, zeigen die Künstlerin, wie sie einen weissen Stier buckelt, trägt oder rollt. Die Motive verweisen auf Darstellungen der Mythologie – eine Herangehensweise, die auch Picassos Kunst durchdringt. Dass die Materialwahl auf Stoff fällt, ist eine bewusste Abgrenzung zu Picassos Werk, in dem das oft mit Weiblichkeit konnotierte Material so nicht genutzt wurde. Ausserdem nimmt die Künstlerin mit den Red Flags Bezug auf Picassos Vorliebe für den Stierkampf, bei dem die roten Tücher dem Stier als Provokation vorgehalten werden. Mein Täubchen wiederum verweist auf die Friedenstaube – ein zentrales Motiv in Picassos Werk, und zugleich auf die zärtliche Anrede, die gerne für Frauen benutzt wird. Die an der Regionale gezeigten Werke behandeln primäre Fragestellungen der Künstlerin. Sie durchleuchten den Geniekult in der Kunstszene, die Unantastbarkeit, die Künstler darin scheinbar einnehmen, fragen, wie wir mit diesem Machtgefälle umgehen und eröffnen dabei neue Perspektiven. [Text von Eva Grüninger]

Hannah Cooke (*1986 in München, DE) lebt und arbeitet in Karlsruhe, Deutschland.

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Sonja Feldmeier, Slow Fox, 2024/2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Sonja Feldmeiers Werke sind stets bildgewaltig – seien es Skulpturen, die sie schafft, Installationen, die ganze Räume einnehmen, oder Videoarbeiten, die ihr Schaffen seit jeher begleiten. Auffällig ist dabei die Vielschichtigkeit an 
Themen: Sie widmet sich grossen Fragen wie Ökologie, Feminismus, 
Erinnerung, Verantwortung und Mitmenschlichkeit. Darunter macht
sie es nicht – ohne jedoch je die Poesie aus dem Blick zu verlieren. Auch bei Slow Fox ist es zunächst das Fantastisch-Sinnliche, das einen in den Bann zieht: Wie grosse Wasserpfützen, in denen sich der Himmel zu spiegeln scheint, tanzen – scheinbar schwerelos – Baumriesen in unterschiedlichen
Formationen. Erst beim Näherkommen, begleitet vom Sound des Holzfällens, Brechens und Krachens, vom Surren der Rotorgeräusche und dem Pfeifen 
der Künstlerin – mal schrill, laut, melodisch, mal wehmütig – erschliesst sich die Szenerie. Denn Feldmeiers Mehrkanal- Videoarbeit basiert auf eigenen 
Aufnahmen der massiven Baumfällungen in Kleinlützel im Jura, unweit ihres Zweitateliers. 2500 Bäume mussten in kürzester Zeit gerodet und mit Helikoptern abtransportiert werden, um einen drohenden Felssturz abzuwenden. Zurück blieben eine gewaltige Schneise inmitten des über Jahrhunderte gewachsenen Ökosystems – und ein nachhallendes Pfeifen, das sich fast als Mutmachen und ein Trotzdem gegenüber einer gewaltigen und gewaltvollen Gegenwart versteht. [Text von Ines Goldbach]

Sonja Feldmeier (*1965 in Zürich, CH) lebt und arbeitet in Basel,
Schweiz.

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Georg Gatsas, diverse Werke, 2009-2022. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Seit Beginn seiner künstlerischen Praxis spielt die Porträtfotografie eine zentrale Rolle im Werk von Georg Gatsas. Er zeigt Menschen in urbanen Umgebungen wie New York, London oder Berlin – häufig Personen, die mit der Club- und Musikszene in Verbindung stehen. Dazu zählt auch die Musikerin Lizzi Bougatsos, die er auf einer Bühne porträtiert. Inmitten von Instrumenten und mehrfarbigem Scheinwerferlicht hält Gatsas einen unwiederbringlichen Moment fest, der nicht nur eine grosse Sinnlichkeit in sich trägt, sondern auch eine direkte Nähe zur porträtierten Person herstellt. Die Bilder erzählen von Solidarität, Freiheit und Diversität – Geschichten, die über den Moment hinaus nachhallen und sich räumlich wie gedanklich ausbreiten und vernetzen. Seine neue Serie, die unlängst für die Biennale in Bregaglia, einer kleinen Gemeinde im Südosten der Schweiz, entstanden ist, trägt den Titel Alberi (dt. «Bäume»). Mal in Schwarz-Weiss, mal in Farbe zeigt der Künstler Protagonisten der Natur in der Dämmerung. Auf Stoffbahnen gedruckt, scheinen die präzisen Nahaufnahmen von Stämmen und Ästen wie Körper im Raum des Atelier Mondial zu schweben. Verwurzelung mit der Erde, materielle Präsenz und ihre Einbindung in ein grösseres Gefüge stehen im Zentrum, ebenso die einzigartige Oberfläche der Rinde oder die charakteristische Verästelung. In der Hervorhebung dieser Besonderheiten zeigt sich eine Geste der Wertschätzung für nichtmenschliche Lebewesen und zugleich eine konsequente Fortführung des vielschichtigen OEuvre des Künstlers, in dem er selbst nie als distanzierter Beobachter auftritt. [Text von Ines Tondar]

Georg Gatsas (*1978 in Grabs, CH) lebt und arbeitet 2025 in St.Gallen, Waldstatt, Zürich, Basel und in Scuol-Nairs, Schweiz.

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Bettina Grossenbacher, Stung by drought, 2024. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Entspannt zurücklehnen sollte man sich nicht. Seit vielen Jahren führt uns Bettina Grossenbacher mit ihren Werken an Orte und in Situationen der Unsicherheit – Räume, die sich erst langsam erschliessen, bisweilen fantastisch wirken, verlassen, oft menschenleer. Sie erzählen vom Verlässlichen und Fragilen unserer Gegenwart, von ökologischen wie zwischenmenschlichen Spannungen. Oft ist kaum vorstellbar, dass die Künstlerin selbst zu diesen Orte aufgebrochen ist: zu steilen, unzugänglichen Plätzen, in politisch heikle Situationen. Auch in ihrer neuesten Arbeit, Stung by drought, begegnen wir Objekten, die an archaische Lehmbehausungen erinnern, verlassene Kavernen, begleitet von einem anschwellenden Summen der Insekten. Gegen Ende öffnet die Kamera den Blick auf das Ganze, verrät den Ort: Rucher d’Inzerki, im Hohen Atlas gelegen, einer der ältesten und grössten Bienenstöcke der Welt. Einst sicherte er hundert Berberfamilien ein regelmässiges Einkommen, der Honig galt als einer der besten Marokkos. Heute sind die Bienen «stung by drought», von der Hitze geplagt. Ihr stetiges Summen um einen Ort, der von Verlassenheit, Entwurzelung und ökologischer Veränderung geprägt ist, der Trockenheit statt Nahrungsfülle kennt, erzählt von der sehnsuchtsvollen Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Umwelt, Mensch und Natur. [Text von Ines Goldbach]

Bettina Grossenbacher (*1960 in Thun, CH) lebt und arbeitet in Basel, Schweiz.

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Victoria Holdt, Simmering Shields, 2024. Soundmix in Kollaboration mit Thalles Piaget. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Treten wir zwischen die vielen schwebenden Skulpturen, auf die die in Basel lebende Künstlerin Victoria Holdt in einer präzisen Choreografie abstrakte Bewegtbilder projiziert, so eröffnet sich ein raumgreifender Kosmos. Mal transparent und von innen heraus leuchtend, mal milchig und undurchsichtig, ohne einen Blick ins Innere zu gewähren, lassen sie ahnen, dass hier etwas Neues entsteht, heranwächst oder sich verwandelt. Kokonartig umhüllt ihre Membran das Innere – schützend und zugleich in spannungsvoller Unbeweglichkeit gehalten. Ein fragiler Widerspruch zwischen Geborgenheit und Verletzlichkeit tut sich auf, den die gemeinsam mit Thalles Piaget komponierte Soundspur zunehmend intensiviert. Die Installation war erstmals bei der Auswahl 24 im Aargauer Kunsthaus zu sehen, bei der Victoria Holdt als Gastkünstlerin mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Sie bettet unsere wandelnden Körper in eine brütende, zugleich unheimliche Umgebung, in der nie Stillstand herrscht und jeder Moment ein radikaler Neuanfang bedeuten kann. [Text von Ines Tondar]

Victoria Holdt (*1992 in Uster, CH) lebt und arbeitet in Basel, Schweiz.

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Daniel Karrer, diverse Werke, 2018-2025. Courtesy the artist und Tony Wuethrich Galerie. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Ganz im Sinne der diesjährigen Regionale spielt die Idee von Durchlässigkeit und Vielschichtigkeit in der künstlerischen Praxis von Daniel Karrer eine zentrale Rolle. Die im Kunsthaus Baselland in einer atelierähnlichen Situation gezeigten Hinterglasmalereien entstanden über mehrere Jahre hinweg und erzählen von malerischen, aber auch geologischen Überlagerungen, von der Verdichtung von (Kunst-)Geschichten und räumlicher Präsenz. Eigens für die Ausstellung entstand die Arbeit Untitled (trawnegeG red ierelaM), die unsere Wahrnehmung von Zeit in den Blick nimmt. Vergangenheit und Zukunft scheinen ineinanderzufliessen – nur die Transparenz des Glases dazwischen lässt eine Distanz in Form der Gegenwart vermuten. Mit der Hinterglasmalerei untersucht Daniel Karrer darüber hinaus die Beziehung zwischen Malerei, digitalem Bild und Abstraktion. Die sinnliche Materialität der Malerei liegt verborgen hinter dem Glas, welches wiederum die Strahlkraft der Farben intensiviert und so an ein digitales Bild erinnert. Dieses Wechselspiel zwischen physischer und digitaler Präsenz spiegelt sich auch in der Arbeitsweise des Künstlers: So entstehen die Entwürfe des im Internet recherchierten Bildmaterials digital am Computer und werden anschliessend auf das Glas übertragen. Dabei verwebt Daniel Karrer den illusionistischen Charakter der Technik mit einem vielschichtigen Bildaufbau. [Text von Eva Grüninger]

Daniel Karrer (*1983 in Basel, CH) lebt und arbeitet in Basel, Schweiz.

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Karin Kurzmeyer, Big Pots, 2015 –. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Das Motiv des Gefässes zieht sich durch die künstlerische Arbeit von Karin Kurzmeyer und zeigt sich auch in der Serie Big Pots, die sie anlässlich der diesjährigen Regionale präsentiert. Die über mehrere Jahre fortlaufende Serie verfolgt das Interesse, den Aufbau eines Gefässes und die Haptik des Tons zu ergründen. Durch die Aufbautechnik nähert sich die Künstlerin intuitiv und spielerisch der Formgebung und der Oberflächenstruktur jedes Gefässes an. Ihre Farbe erhalten die unglasierten Objekte jeweils allein durch die unterschiedlichen Tonarten und die verschiedenen Brenntemperaturen. So wirken die einzelnen Gefässe im Raum wie eigenständige Charaktere, die in ihrer Anordnung und Anzahl jedoch miteinander zu kommunizieren beginnen. Diese Verkörperung der Form wird zusätzlich betont, indem die Künstlerin den Gefässen jeweils einen Frauen- und zugleich Blumennamen gibt: eines trägt den Namen Daisy, ein anderes Lilly oder ein drittes Rosa. Das Gefäss als Hohlraum oder Leerstelle nimmt andere Stoffe in sich auf, umschliesst und bewahrt sie. Zusammen werden sie zu einem Objekt. Dieses Ineinanderfliessen und die zugleich gewahrte Individualität kennzeichnen die Faszination und Arbeitsweise der Künstlerin und verweisen zugleich auf die Durchlässigkeit von Orten. [Text von Eva Grüninger]

Karin Kurzmeyer (*1987 in Luzern, CH) lebt und arbeitet in Zürich, Schweiz.

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Josefina Leon Ausejo, Ecos Voraces, 2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Die installative Videoarbeit Ecos Voraces (dt.: Echos der Gierigen) der in Peru lebenden Künstlerin Josefina Leon Ausejo beginnt wie ein Roadmovie. Wir gleiten über die kargen Landschaften der Anden, ziehen vorbei an Bergen und Seen, begleitet vom Fahrtwind und mit einem Lied aus dem Radio im Ohr. Die Aufnahmen der Künstlerin, die 2022 in Basel ihren Masterabschluss am Institut Kunst Gender Natur der HGK Basel machte, entwerfen jedoch keine Idylle, sondern ein menschengemachtes Panorama. Gewaltige Maschinen haben sich durch die Steilhänge aus Gestein gekämpft, um in der monumentalen Mine Toromocho Kupfer freizulegen. Schicht um Schicht setzen sich Linien zu enormen Terrassen zusammen, die das Innere des Berges nach Aussen stülpen und plötzlich eine formale Ähnlichkeit mit archäologischen Orten wie den Ruinen von Moray offenlegen – ebenfalls Kulturlandschaften, jedoch primär landwirtschaftlich genutzt. Eine Stimme aus dem Off berichtet von einer Geisterstadt, von Umsiedlung, leeren Versprechungen und vor allem einem immensen Ausmass an Ausbeutung. Zwischen Ruinen und Möglichkeiten, Vergangenheit und Zukunft, Fiktion und Dokumentation, Natur und Künstlichkeit werden die Grenzen durchlässig und erscheinen wie ein dringlicher Appell an mehr Weitsicht: Was sind Voraussetzungen für eine soziale, integrative Gemeinschaft und wie fragil sind ihre Verbindungen? Wie ist ein nachhaltiges Zusammenleben mit Blick auf Ungerechtigkeit, Machtgefälle und Zerstörung überhaupt noch vorstellbar? Am Ende bleibt eine düstere, traurige Aussicht, in der sich zahlreiche Schichten und Komplexitäten öffnen, deren Bearbeitung Zeit, Fürsorge und ernsthafte Aufarbeitung erfordern würde, um Zukunftsfähigkeit denkbar zu machen. [Text von Ines Tondar]

Josefina Leon Ausejo (*1995, in Lima, PE) lebt und arbeitet in Lima, Peru.

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Fabio Luks, diverse Werke, 2025. Courtesy the artist und Gallery Ann Mazzotti Basel. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

In seiner malerischen Arbeit beschäftigt sich Fabio Luks seit Längerem mit Strukturen, die trennen und zugleich verbinden – wie Mauern, Wände und Oberflächen: Elemente, die allesamt etwas verbergen und doch Durchblicke eröffnen. In den Papierarbeiten, die während der Regionale im Kunsthaus Baselland zu sehen sind, hat der Künstler diese Auseinandersetzung erneut aufgegriffen. Sie erscheinen einerseits wie eine Art Grundlagenforschung zu den grösseren Werken in Öl, die Fragen nach Wahrnehmung, Oberfläche und Transgression stellen, und führen diese andererseits in noch wilderer und konkreterer Form fort. Es sind diese kausalen Möbiusschleifen – die unauflöslichen Verdrehungen von Ursache und Wirkung, Anfang und Ende, das In-der-Schwebe-Bleiben von innen und aussen –, die Luks’ Werke prägen und sie zu einem lebendigen, surreal-traumartigen Kosmos werden lassen. „Mich interessiert“, so formuliert der Künstler in einem Statement zu den Papierarbeiten, „wie sich ein vermeintlich festes Gefüge, etwa eine Backsteinwand, als etwas Durchlässiges, vielleicht sogar Lebendiges zeigen kann“. In seinen Zeichnungen öffnen sich die Wände, geben den Blick frei auf dahinterliegende Räume, auf den Himmel, auf Augen oder Gliedmassen, die sich hindurchstrecken. „Dieses Wechselspiel von Sichtbarkeit und Verbergen, von Beobachten und Beobachtet-Werden, finde ich sehr spannend. Zudem verweisen die dargestellten Räume mit ihren Leinwänden und Bild-im-Bild-Situationen auch auf den Akt des Malens selbst, auf das Nachdenken über das Sehen, über das Bild als Ort zwischen Innen und Aussen.“ Das Thema der Durchlässigkeit, das der Künstler in der trinationalen Region auch ganz unmittelbar erlebt, ist für ihn ein zentraler Bestandteil seines Schaffens. Wie die Grenzen zwischen den Ländern zwar spürbar sind, im Alltag jedoch auch wieder auflösen, so scheint in seinen Werken immer wieder die Erfahrung auf, dass sich Zwischenräume öffnen und Trennung und Verbindung zugleich erfahrbar werden. [Text von Alexandra Stäheli]

Fabio Luks (*1982 in Biel, CH) lebt und arbeitet in Basel, Schweiz.

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Elia Menang Setiadi, „ . “, 2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Der Begriff Permeabilität stammt vom lateinischen «permeabilis» und bezeichnet die Durchlässigkeit eines Materials für andere Stoffe. Diesem Prinzip des In-Bewegung-Seins – das Durchdringen von Räumen, Zuständen und Wahrnehmungsebenen – widmet sich Elia Menang Setiadi in seinen Werken. Neugier, Sammeln und Beobachten sind die Ausgangspunkte seiner künstlerischen Auseinandersetzung und lassen ihn Türen zu verschiedenen Räumen und Interessen öffnen. In der anlässlich der Regionale ausgestellten Arbeit beobachtet der Künstler den Rhythmus, die Textur, den Klang und die Geräusche von Worten bis hin zur Sprache, welche die Sinne anspricht. Er untersucht dabei das Zusammenspiel und die stimulierende Kraft von Gedanken, Empfindungen sowie Sinnens- und Sprechorganen. In seiner visuellen Sprache werden wechselnde Zustände des Fliessens, Innehaltens, Weiterbewegens und Zurückkommens erfahrbar – Zustände, die in verschiedenen Universen und zugleich in der Gegenwart präsent sind. Die skulpturale Installation der zwölf Gemälde vereint unterschiedliche Medien. Von der Wand losgelöst, durchdringt sie den Raum und erinnert dabei an einen Paravent – ein Wort, das sich von den französischen Begriffen «parer» (abwehren) und «vent» (Wind) ableitet und sinngemäss «den Wind, der durch den Raum geht, aufhalten» bedeutet. [Text von Eva Grüninger]

Elia Menang Setiadi (*2000 in Bern, CH) lebt und arbeitet in Basel, Schweiz.

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Miriam Schmitz, Meubles, 2023/2024 – Night-Me-Twin-Set, 2024. Courtesy the artist und PAW. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Die dekorativen, verschleiernden Aspekte von Möbeln und Textilien sind das Spannungsmoment in der künstlerischen Praxis von Miriam Schmitz. Die Künstlerin verwendet dabei gefundene Materialien aus der Inneneinrichtung von Räumen. So nimmt die Arbeit Night-Me-Twin-Set, die innerhalb der Werkserie Meubles entstanden ist, ihren Ausgang in der Durchlässigkeit eines Organzastoffs, der üblicherweise für Leuchtkästen genutzt wird. Die Physiognomie und die Materialität der gefundenen Relikte bilden dabei die Ausgangslage und bestimmen den weiteren Arbeitsprozess. Die gefundenen Materialien wählt die Künstlerin in Bezug auf ihre persönliche Geschichte und kulturelle Prägung aus, funktionalisiert sie um oder bringt sie in neue Kombinationen. So verleiht sie dem skulpturalen Objekt eine neue, in sich geschlossene Entität. Die Werke erzählen überdies von vergangenen Zeiten und den Räumen, in denen sich die Objekte einst befanden. Damit greift die Künstlerin ein gesellschaftliches Phänomen auf – den Wunsch, an mehreren Orten, zu verschiedenen Zeiten gleichzeitig sein zu können. Zugleich werden die Objekte zu Trägern von Erinnerungen, die Sehnsucht und Neugier auf neue Ordnungen und Möglichkeiten hervorrufen. [Text von Eva Grüninger]

Miriam Schmitz (*1988 in Köln, DE) lebt und arbeitet in Karlsruhe, Deutschland.

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Marcia Tello Cornejo, Untitled, 2024, Untitled, 2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Vis-à-vis des Kunsthaus Baselland entfaltet sich ein monumentales Bild der Künstlerin Marcia Tello Cornejo. Wie ein verhüllendes Banner umfasst es den Eingangsbereich der TransBona Halle, die viele Jahre als Lager für Logistikfirmen diente. Auf dem noch sichtbar industriell geprägten Dreispitzareal entsteht ein idealisiertes Panorama mit Wasserfällen, vorbeiziehenden Möwen und Schwänen, die ihre Hälse einander entgegenstrecken. Die peruanische Künstlerin, die derzeit ihren Master am Institut Kunst Gender Natur an der HGK Basel absolviert, rückt mit dieser beinahe kitschig anmutenden Szenerie Vorstellungen in den Blick, die besonders durch europäische Kolonialmächte konstruiert wurden. Koloniale Ideologien romantisierten die aussereuropäische Natur als «fruchtbar», «wild», «(menschen) leer» und «unberührt», um sie für ihre eigenen Zwecke verfügbar zu machen und auszubeuten. Solche Bilder und Erzählungen dienten dazu, Begehrlichkeiten nach Abenteuer, Land oder Rohstoffen zu wecken – Vorstellungen, die bis heute in Kunst, Werbung und Tourismus fortwirken und unsere Idee von «Landschaft» mitbestimmen. Indem die Künstlerin das Bild des «tropischen Paradieses» aufgreift – wie es sich auch in einer Malerei im Obergeschoss des Kunsthauses findet –, schafft sie ein Bewusstsein für die Instrumentalisierung des Naturbegriffs und lädt dazu ein, «Natur» nicht als passive Ressource zu verstehen, sondern die darin eingeschriebenen Machtverhältnisse offenzulegen. Das Motiv des transparenten Banners wie auch das des Vorhangs wirft die Frage auf, was tief hinter den projizierten Vorstellungen verborgen liegt, und lenkt den Blick auf die Mechanismen, die unsere Bilder von «Natur» überhaupt erst hervorbringen. [Text von Ines Tondar]

Marcia Tello Cornejo (*2000, in Lima, PER) lebt und arbeitet in Basel und Lima, Peru.

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Helena Uambembe, A line, a mark and a scar 1-3, 2025, Think Tall Thoughts 1-2, 2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Helena Uambembe verleiht Geschichten eine Präsenz, die eigentlich dazu bestimmt scheinen, in Vergessenheit zu geraten. Oft findet die in Berlin und derzeit in Basel lebende, angolanisch-südafrikanische Künstlerin dafür spielerischleichte, mitunter amüsante Formen und einladende Werke – und doch könnten die Themen nicht schwieriger und schwerer sein. Da ihre Familie vor dem Bürgerkrieg in Angola in den 1970er-Jahren floh, wuchs die Künstlerin in Pomfret auf – ein Ort mit einer in vieler Hinsicht ausgelöschten postkolonialen Geschichte, in der auch Europa unmittelbare Verantwortung trägt. Auf der Flucht wurden angolanische Männer in den Flüchtlingslagern von Namibia vor die Wahl gestellt, zurückzukehren oder sich dem Militär der Apartheidregierung Südafrikas anzuschließen. Alternativ – weil die Umkehr für die meisten keine Option war – sollten sie sich innerhalb eines Monats verpflichten, eine ebenfalls geflüchtete Angolanerin zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der bevorstehenden Unabhängigkeit Namibias wurden diese Soldaten, die das 32. Bataillon wurden, 1989 nach Pomfret in der Kalahari-Wüste im Nordwesten Südafrikas verlegt. Dort wurden sie sowohl zur Unterdrückung des wachsenden Aufbegehrens der Aktivist*innen in den Townships als auch im gesundheitsschädlichen Asbestabbau eingesetzt. Wenngleich die südafrikanische Regierung 2004 Pomfret abreissen lassen wollte und alle wichtigen Versorgungsstrukturen kappte, blieben die Menschen. «Es ist wichtig sich zu erinnern», sagt Uambembe im Gespräch, «wer wir sind und woher wir kommen und, dass wir uns an eigene und auch kollektive Geschichten erinnern, die sonst in Vergessenheit geraten oder deren richtiger Werdegang vergessen geht». [Text von Ines Goldbach]

Helena Uambembe (*1994, in Pomfret, ZA) lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland.

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Noémie Vidonne, diverse Werke, 2024-2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

Die künstlerische Arbeit von Noémie Vidonne kreist in all ihren Facetten um die Themen Erinnerung, Träume und Orte – seien diese mentaler oder physischer Natur. Immer wieder erschafft sie Szenen von Räumen, die sie selbst innerlich durchquert hat. Das Regionale-Thema der Durchlässigkeit von Orten ist damit in ihrer Arbeit bereits angelegt, wenn sie danach fragt, woher die Orte stammen, die sie in ihren Träumen durchstreift, und warum sie sie in der Realität oder im Bewusstsein nicht lokalisieren lassen. Noémie Vidonne zeichnet diese Orte ihrer Träume und ihrer Erinnerungen atmosphärisch nach, gestaltet sie beinahe wie ein Filmset im physischen Raum und lässt so die Besucher*innen neue Umgebungen erleben, die mit persönlichen Erinnerungen der Künstlerin und ihrer eigenen Familiengeschichte aufgeladen sind. Für die Ausstellung hat Vidonne eine Auswahl bereits produzierter Werke zusammengestellt, die alle das Thema «Intervall» gemeinsam haben. Die in einen Filzrahmen eingebetteten Radierungen zeigen fiktive Landschaften, die auf die Traumwelt der Künstlerin verweisen – Spuren von Landschaften, die sie vielleicht in ihren Träumen bereist hat. Seit einiger Zeit befasst sich Noémie Vidonne zudem mit der Technik der Intarsie, die im Elsass weit verbreitet ist und Erinnerungen an die Dekorationen in den Häusern ihrer Grosseltern und an traditionelle Restaurants weckt. Kindheitserinnerungen überträgt sie in Form von Aufklebern auf diese Intarsienarbeiten, doch klebt sie die Sticker nicht direkt auf, weil sie dann, so vermutet die Künstlerin, verloren gehen könnten. So werden die Sticker für die Künstlerin zu Symbolen der Angst, verloren oder vergessen zu werden. [Text von Alexandra Stäheli]

Noémie Vidonne (*1999, FR) lebt und arbeitet in Mulhouse, Frankreich.

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Chi-Hun Yang Between Sights, 2025. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. Foto: Gina Folly

In ihrer Arbeit Between Sights eröffnet uns die Künstlerin Chi-Hun Yang den Blick durch ein grosses Fenster in ein Gewächshaus des botanischen Gartens. Gleichzeitig sehen wir darin die Spiegelungen jener Seite, die wir als Betrachter*innen einnehmen. Seit Längerem befasst sich die Künstlerin mit spiegelnden Grenzflächen, die das urbane Leben prägen, sowie mit den kulturellen, psychologischen, gesellschaftlichen und symbolischen Konzepten, die Spiegeln und Spiegelung eingeschrieben sind. Die duale Eigenschaft eines Fensterglases – Blicke hindurchzulassen und zugleich physisch undurchdringbar zu bleiben – versteht die Künstlerin als Metapher für gesellschaftliche, kulturelle und zwischenmenschliche Barrieren: «geformt durch Habitus, Werte oder Denkweisen». Für Yang, die sich selbst zwischen verschiedenen Welten verortet, rufen diese transparenten Trennungen, die uns täglich begleiten, die Frage hervor: «Wer gehört dazu, was bleibt draussen, und warum?» Weil das Glas zugleich spiegeln kann, werden die Grenzen zumindest temporär aufgehoben, und zwei voneinander getrennte Welten verbinden sich: das Draussen und das Drinnen, das Hier und das Dort. Yang betrachtet diese Eigenschaft des Glases als eine «Ur- Virtual-Reality» – eine frühe Form des Imaginären. [Text von Martina Stähli]

Chi-Hun Yang (*1979, in Kiel, DE) lebt und arbeitet in Basel, Schweiz.

Projektpartner