Echoräume
26.9.
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16.11.2025
Letzte Tage!
Sophia Al-Maria, Regina de Miguel und Dadi Wirz sowie mit dem kunsthistorischen Seminar der Universität Basel
sowie mit dem kunsthistorischen Seminar der Universität Basel
Echoräume können Räume sein, in denen sich Themen, die man gehört oder erfahren hat, nicht nur verstärken, sondern auch präzisieren können. In der Auslage Echoräume im Kunsthaus möchten wir dies aufgreifen und Fragen nach Identität, Ökologie und Naturerfahrung, die in den Werken der im Untergeschoss gezeigten Ausstellung sichtbar werden und heute aktueller denn je sind, einen Raum geben.
Dafür werden Werke von Sophia Al-Maria, Regina de Miguel und Dadi Wirz gezeigt. Zudem wurde ein weiterer Raum eingerichtet, in dem spezielle Vermittlungsformate stattfinden – nachvollziehbar auch für das Publikum. Dort fand unter anderem das Seminar von Charlotte Matter von der Universität Basel, Gespräch über Material und Sinnlichkeit bei Eva Lootz, mit Ines Goldbach, Charlotte Matter und Studierenden des kunsthistorischen Seminars an der Universität Basel statt.
Ein Fluss ist ständig in Bewegung. Das Wasser fliesst unaufhaltsam, bahnt sich seinen Weg und streift auf seiner Reise zum Meer viele verschiedene Orte. Dieses ständige Unterwegssein wird bei Dadi Wirz zum Sinnbild seines eigenen Lebens. Geboren 1931 in Papua-Neuguinea, bereiste er bereits in seiner frühen Kindheit und Jugend auf den Forschungsreisen seines Vaters, des Ethnologen Pedro Wirz, unzählige Orte in der Südsee – und kehrte auch als Erwachsener mehrmals nach Papua-Neuguinea zurück. Als Künstler lebte er zunächst in Marokko, dann in Portugal und England, bis er sich schliesslich in Reinach im Baselbiet niederliess. Die vielen Reisen, die Dadi Wirz unternommen hat, und die vielen Orte, die er gesehen und an denen er gelebt hat, thematisiert der Künstler in seinem Schaffen. Die hier gezeigte Arbeit Rivers ist daher gleichsam ein Selbstporträt, das alle Flüsse in sich versammelt, die der Künstler in seinem langen, reisefreudigen Leben selbst besucht hat. Die Arbeit kann daher auch als persönliches geografisches Archiv gelesen werden. Mächtige Ströme, wie der Nil, aber auch Flüsse mit regionaler Bedeutung, wie die Birs, vereinen sich im Werk zu einem Strom der Erinnerungen. Dadi Wirz wählt charakteristische Flussabschnitte aus, die durch einen interessanten Verlauf hervorstechen. Er zeichnet diese Strecken als persönliche Notiz, notiert Orte, an denen er war, oder versieht sie mit Koordinaten. Die Formen der Flussläufe werden aus Metallplatten gefräst und, zusammen mit den Zeichnungen, in Plexiglasboxen gesammelt. Es entsteht so ein Archiv mit Tagebuchcharakter, eine persönliche Erinnerungschronik entlang von Flussläufen.
Schauplatz der Videoarbeit Nekya, a Film River (2023) von Regina de Miguel sind die Minen des Rio Tinto nordöstlich von Sevilla – eine der ältesten noch in Betrieb befindlichen Abbaustätten weltweit. Ihr rotes Abwasser fliesst in den Guadalquivir und weiter in den Atlantik. Aufgrund ihrer besonderen geologischen Beschaffenheit bilden sie ein Analogon zur Oberfläche des Mars. In Verkettungen und Überlagerungen zeichnet de Miguel an diesem Ort die historisch bedeutende Rolle des Bergbaus im Kolonialisierungsprozess nach, der einst vom britisch-australischen Konglomerat Rio Tinto Group gesteuert wurde. Collagenartig arbeitet sich die Videoarbeit durch historische und neuzeitliche Untersuchung des geschichtlich, ökologisch und gesellschaftlich wichtigen Ortes. Sie zeichnet nach, wie dieses Land im 19. Jahrhundert zum Schauplatz des ersten ökologischen Streiks Spaniens wurde, der blutig endete, als Militärwachen auf die eigene Bevölkerung schossen, um die Interessen britischer Kapitalisten zu schützen – ein Modell, das später von dort aus in die Gebiete der indigenen Bevölkerung von Kanada bis Australien exportiert wurde. Heute unterstützt die EU ein neues Vorhaben der Rio Tinto Group, in Serbien Lithium für ihre geplante «grüne Wende» abzubauen. Dagegen protestieren lokale Aktivistengruppen wegen der drohenden Verschmutzung des Grundwassers und gesundheitlichen Risiken für die lokale Bevölkerung. An einem Punkt extremer ökologischer Fragilität erzählt Río Tinto von unseren miteinander verflochtenen Wegen – chemisch und biologisch – und davon, wie die Ausbeutung von Land und Menschen mit der rücksichtslosen Politik weniger Mächtiger in Verbindung steht.
Es braucht einige Zeit, um sich in das Werk Beast Type Song von Sophia Al-Maria einzusehen. Statt eine Geschichte mit Anfang und Ende zu erzählen, gleicht ihr Film einer Performance mit einer Vielzahl von Eindrücken, Gefühlen, Unsicherheiten, die mit Sound, Poesie und Sprache immer weiter in das Geschehen führen. Junge Menschen bewegen sich durch urbane Landschaften, die sich zwischen Science-Fiction und realen Begebenheiten ansiedeln. Ist es eine postapokalyptische Situation, entstanden nach ökologischen Zerstörungen? Sophia Al-Maria richtet die Frage nach dem «Was wird aus uns?» in einer Welt, die ihre natürlichen und sozialen Grundlagen zerstört und in der ökologische und soziale Krisen untrennbar miteinander verbunden sind. Der Körper bei Sophia Al-Maria wird zum politischen Schauplatz: Er ist fragil und trägt die Spuren von Dominanz, Unterdrückung und Ausbeutung. Zugleich wird Identität für die Künstlerin zur Verschmelzung von Mensch, Maschine, Tier und Mythos – ein offenes Konzept, das sich gegen starre Zuschreibungen von Geschlecht, Herkunft oder Klasse richtet. Statt aber in eine zukunftspessimistische Sichtweise abzudriften, bleibt der Glaube an das Sich-wandeln-Können und eine daher veränderbare Zukunft.