Ausstellung
Tue Greenfort
Tue Greenfort (geb. 1973 in Holbæk/DK, lebt in Berlin) beschäftigt sich mit Verhältnissen zwischen Mensch und Natur und den Auswirkungen menschlicher Handlungen auf das Ökosystem, insbesondere auf Energie- und Stoffkreisläufe. Mit seinen Skulpturen und Installationen lenkt er den Blick auf Problemfelder, die sich durch Wachstumsprozesse ergeben. Mehr als um eine im Rahmen der Kunst geäußerte Kritik an Umweltverschmutzung oder Anleitung zur Ressourcenschonung handelt es sich dabei vielmehr um politisch aufgeladene, ästhetische Anordnungen, die mit Referenzen zur Minimal Art und Konzeptkunst operieren.
Seine Skulptur „1 Kilo PET“ (2007), ein aus 29 Polyethylenterephthalat-Flaschen geschmolzener Haufen Plastik, thematisiert die Verhältnismäßigkeit von Produktion, Nutzen und Ressourcenverbrauch. PET-Flaschen wurden in den 1980er Jahren in der Lebensmittelindustrie eingeführt, besonders erfolgreich für den Verkauf von Trinkwasser. Sie galten wegen ihrer Leichtigkeit und der geringeren Transportkosten als umweltfreundliche Alternative zur Glasflasche. Aber: PET kann nicht ohne Weiteres zu neuen Flaschen recycelt werden, es erreicht beim Einschmelzen keine ausreichende Transparenz. So müssen stets enorme Mengen neu produziert werden, um den Bedarf zu decken. Greenfort basiert seine Überlegungen auch auf folgende Tatsachen: Die Produktion von 1 Kilogramm PET benötigt 17,5 Kilo Wasser und hat den Schadstoffausstoss von 40 g Kohlenwasserstoff, 25 g Schwefeloxid, 18 g Kohlenmonoxid und 20 g Dioxid zur Folge. Die Herstellung einer PET-Flasche benötigt demnach mehr Wasser, als sie letztendlich aufnehmen kann, wobei zusätzlich Schadstoffe freigesetzt werden.
Das Werk „Hungry for more (obesity starvation)“ (2008) besteht aus Einwegtüten mit aufgedrucktem Smiley, wie sie in New York in vielen asiatischen Fastfood-Läden verwendet werden. Greenfort hat die Tüten zu einem Gebilde aneinandergeschweißt, in das ein Ventilator Luft hineinbläst bzw. hinaussaugt. Dadurch entsteht ein „atmender“ Zusammenhang: Während das Smiley bei aufgeblasener Tüte besonders breit ist, schrumpelt es zusammen, wenn die Luft hinausgesaugt wird. Der Künstler thematisiert in dieser Arbeit die Diskrepanz von weltweit steigenden Zahlen übergewichtiger Menschen bei einer gleichzeitigen Steigerung der Zahl Hungernder. Professor Popkin von der University of North Carolina legte 2006 der International Association of Agricultural Economists Zahlen vor, wonach 300 Millionen Übergewichtiger der Zahl von 800 Millionen Unterernährten gegenübersteht. Im Jahre 2007 spricht die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) von 923 Millionen chronisch hungernden Menschen und führt diese Tatsache nicht zuletzt auf die steigenden Lebensmittelpreise zurück. Das Objekt der ein- und ausatmenden Smile-Taschen wird zu einer Art Mahnmahl, das an die elementarte aller menschlichen Bedürfnisse und ihrer ungleichgewichtigen Verteilung in der Welt erinnert.
Die Arbeit „From Petroleum to Protein“ (2007/2011) basiert auf einem Artikel im Scientific American von 1965, in welchem die Gewinnung von essbarem Protein aus Rohöl beschrieben wird. Die Transformation erfolgte mittels bakterieller Prozesse und wurde zunächst in einem Werk von BP bei Marseille erprobt. Der Versuch zielte darauf ab, die Ernährungsversorgung bei steigender Weltbevölkerung zu lösen. Nach einigen Testjahren, in welchen bereits Tiere mit diesen Proteinen gefüttert wurden, wurde das Projekt, nachdem die Befürchtung von Krebserkrankungen als Folgewirkung überhandnahm, eingestellt. Greenfort stellt in einer Vitrine die Zeitschrift mit dem ursprünglichen Artikel aus, ebenso wie eine neuerliche Versuchsanordnung, die vom Kantonalen Laboratorium Basel-Landschaft aufgesetzt wurde. Dabei wurde in einem Glasbehälter ein Pilz (Candida Tropicalis) mit Paraffinen (aus der Dieselproduktion) angesetzt. Das Ziel ist auch hierbei, in Anlehnung an den wissenschaftlichen Artikel, die Produktion von Protein. Greenfort thematisiert in dieser Arbeit die heute mehr denn je gültige Frage nach der Lebensmittelversorgung der steigenden Weltbevölkerung und zeigt mit dem beispielhaften Lösungsansatz auf, wieviel Forschung und Arbeit diese Suche beinhaltet.

















