Sonntag 12. August 2007 — Sonntag 30. September 2007

Renate Buser

Ausstellung

Slightly urban

Renate Buser (geb. 1961 in Barmelweid/Aarau, lebt und arbeitet in Basel) ist in erster Linie mit ihren fotografischen Architekturinterventionen bekannt geworden. In den letzten Jahren wurden ihre ortsspezifischen Manifestationen in Miami Beach, Lausanne, Biel, Fribourg, Ottawa und Basel umgesetzt.

Das Kunsthaus Baselland widmet der Künstlerin nun eine erste umfassende Werkschau, bei welcher sowohl vor Ort entstandene - und auf die Kunsthaus Architektur bezogene Interventionen zu sehen sind, als auch Werke, die den konzept- und kontextuellen Hintergrund von Busers Arbeitsweise vermitteln.

In Busers Werk unterscheiden sich verschiedene Ein- und Ansätze des Fotografischen. Mit ihren vor Ort entstandenen Fotografien macht die Künstlerin oft nicht wahrgenommene Raumbezüge, Linienführungen und baukörperliche Zusammenhänge sichtbar. Sie greift in die bestehende Architektur ein und baut mittels Fotografie ihre ureigene Version, die das Besondere des Ortes herausschält. Die Ergebnisse dieser architektonischen Bestandsaufnahmen werden in meist grossformatigen Fotografien auf Textil- oder Papierträger übertragen und an analogen Punkten der tatsächlichen Architektur eingesetzt, deren inhärente Strukturen eine völlig neue Architekturvariante zulassen. So wird die strassenseitige Fassade des Kunsthaus Baselland mit einem fotografischen Trompe l’œil des dahinter liegenden Innenraums virtuell verändert: Anstelle der bisherigen festen Mauer mit der Beschriftung des Kunsthauses zeigt sich dem Betrachter – in der Blickperspektive von innen nach aussen – die für jenen Bauteil charakteristische Fensterfront und die einfallenden Lichtstreifen. Der fotografische Eingriff bewirkt eine Oeffnung des schachtelartigen Baukörpers und leitet die BesucherInnen aufgrund der Streifenführung von Fenster- und Lichtzonen zum Haupteingang hin.

Drei weitere, speziell für das Kunsthaus kreierte fotografische Architekturinterventionen streichen Vorgegebenes heraus, führen es weiter, treiben es auf die Spitze oder verschieben die reale Oertlichkeit kurzerhand um einige Meter. Der linke obere Galerieraum wird in seiner extremen Winkeldefinition mittels fotografischer „Um-die-Ecke-Führung“ hervorgehoben. Die Fensterfront im „Finger“-Raum wird quasi geknickt und um beinahe 90° umgelenkt. Eine neue lang gestreckte Raumöffnung und Fensterreihe entsteht ausgerechnet dort, wo sich einst auch real zwei weitere Fenster befanden. Den balkonartigen Galerievorsprung, welcher die Raumhöhe des Erdgeschosses zweiteilt, versetzt die Künstlerin fotografisch in eine Nische und stülpt den architektonischen Vorsprung in die entgegengesetzte Richtung. In Renate Busers Ausstellung charakterisiert sich die bisher intensivste Auseinandersetzung mit der Kunsthaus Architektur. Die Räume, deren künstlerische Handhabung immer wieder eine spezielle Herausforderung sind, werden in Busers Interventionen mit sich selbst konfrontiert.

Nebst den Kunsthaus-Interventionen präsentiert die Ausstellung Busers erste, ebenso wie ihre bisher letzte In-Situ-Arbeit. Im Jahre 1992 entstand die Arbeit „Déjà Vu“ in Zusammenarbeit mit Ursula Gillmann. An einem Wohnhochhaus brachte die Künstlerin an ausgewählter Stelle ein Foto des exakt dahinter liegenden Wohnzimmers an. Hoch oben wurde so ein fiktives Fenster hin zum real Existierenden aufgetan. Die Ausstellung präsentiert das ursprüngliche Foto neben einem Dokumentationsfoto. Die fotografischen Architekturinterventionen Busers, die per se zeitlich befristet sind, leben in der Dokumentation weiter, wobei der Dokumentation sowohl ein archivarischer Stellenwert als auch ein eigenständiger Werkcharakter zukommt. Eines von Busers Hauptthemen, die Auseinandersetzung mit der Gegensätzlichkeit des Innen und Aussen, ist in diesem frühen Werk bereits deutlich ausgeprägt. Auch in „Tower piece“ von 2006/07 lenkt sie die architektonische, nach aussen gerichtete Tower-Ecke perspektivisch nach innen. Im Gegensatz zur früheren Arbeit montiert sie die Fotografie nicht nur auf den Baukörper, sondern greift die inhärente Struktur des Gebäudes auf, verändert sie fotografisch und führt das 1992 aufgegriffene Prinzip – deutlich verfeinert – weiter.

Eine dritte Form der fotografischen Arbeit manifestiert sich in der klassischen Architekturfotografie, meist auf Baryt-Papier ausgearbeitet und aus frontaler Perspektive aufgenommen. Diese Fotografien stehen für sich selbst als Stimmungsträger und sind nicht weiter bearbeitet. „Rue de Acacias“ 2007, „Shimbashi Station“ 2007 und „Gropiusstadt“ 1999/2007 sind in der Ausstellung zu sehen.

Ganz anders präsentiert sich das Resultat, wenn Buser Manipulationen am Foto direkt vornimmt. Verschiedenformatige, auf Aluminium aufgezoge Fotografien werden entlang vorhandener, ausgeprägter Strukturen und Linien in verschiedenen Winkel gebogen. Auch in diesen Werken „baut“ die Künstlerin und akzentuiert Vorhandenes. So auch im grossformatigen Objekt mit Ansichten des Kunsthaus Baselland, welches Vorgefundenes im übertragenen und wörtlichen Sinne auf die Spitze treibt.

Die Ausstellung wird ergänzt von einer Reihe Videodokumentationen, welche die jeweiligen Architekturinterventionen aus der Bewegung heraus betrachten. Eine zusätzliche Videoinstallation „Vers demain“ 1996/2000 ursprünglich auf Super 8 gefilmt, gibt Ausblicke von einer Schifffahrt wieder. Darin spielt die Künstlerin mit der Idee der vermeintlichen Perspektivlosigkeit, nimmt jedoch selbst wiederum eine Perspektive ein. Der Film beinhaltet den konzeptuellen Ausgangspunkt einer Künstlerin, welche die Überblendung, „die an Thomas Struths nächtliche Projektionen von fotografischen Ansichten der Stadt auf deren Brandmauern anlässlich der Skulpturen-Projekte in Münster 1987 erinnert, mit den aufbrechenden Gesten von Gordon Matta-Clark verbindet. Mit ihren bildlichen Eingriffen baut Renate Buser selber – auf Zeit. Dem wachsenden Trend von Fotografien, die Architektur in Echtzeit vergegenwärtigen, entgegnet sie mit einer Brechung der Bausubstanz durch Formen, mehr aber noch durch eine Ungleichzeitigkeit, die durch die Verschränkung von Ansichten und realen Gebäuden aus verschiedenen Zeiten entstehen.“ (Hans Rudolf Reust, Kunstbulletin 12/2005).
 


Renate Buser, Ausstellungsansicht, 2007
Renate Buser, Lift-Installation, 2007
Renate Buser, Ausstellungsansicht, 2007
Renate Buser, Eck-Installation, 2007
Renate Buser, Ausstellungsansicht, 2007
Renate Buser, Fassade, 2007