Sonntag 28. November 2010 — Sonntag 09. Januar 2011

Regionale 11

Ausstellung

Selma Alacam

Die Werke von Selma Alacam (*1980 in Mannheim, lebt in Karlsruhe) bilden den Auftakt und den Schlusspunkt der Ausstellung im Kunsthaus Baselland. Eingangs zeigt die Künstlerin das Video „Turkish National Anthem“ in welchem sie Videos von in Wohnzimmern singenden Kindern, gefunden auf U-Tube zusammenfügt.

Mit grosser Inbrunst singen sie die türkische Hymne und werden von klein auf ihre Nationalität eingeschworen. Alacams Werke greifen Fragestellungen nach kultureller Identität, dem sozio-kulturellen Umgang mit der neuen Heimat, Integration und die aus den kulturell unterschiedlichen Denkweisen resultierenden gesellschaftlichen Probleme auf. Die Künstlerin, selbst halb Türkin und halb Deutsche, arbeitet als Erziehungsbeistand im sozialen Dienst, wo sie versucht, türkischen Familien bei ihrer Integration in Deutschland zu helfen. In ihrer Videoinstallation "Isolated And Protected From The World Around- a portrait of a turkish family" widmet sie jedem Mitglied der betreuten Familie ein Videoporträt, welche hinter einem Vorhang aus Bügelperlen durchschimmern. Der Vorhang erinnert an Einsätze ornamentaler Sichtfenster oder an verschleierte Frauen in der islamischen Kultur. Die Idee von Schutz und jene von Ausgrenzung treffen dabei unweigerlich aufeinander. In Fotos, in denen ornamentale Muster über den Körper der Künstlerin gelegt sind, wird sowohl das Umhüllen und Schützen betont, als auch die im Körper wortwörtlich eingeschriebene kulturelle Prägung. In einem Video kämmt die Künstlern ihre eigenen Haare zurück um sich darauf eine Perücke aufzusetzen, die sie letztlich gleich aussieht wie ihr eigenes Haar; dem islamischen Diktum, die Haare nicht zu zeigen wurde dabei jedoch Genüge geleistet. In einem weiteren Video überklebt die Künstlerin ihr Gesicht mit so genannten „Nazaren“, die gegen den bösen Blick schützen sollen, zu einer Maske voll. Dieser Schutz wird v.a. Frauen mit blauen oder grünen Augen empfohlen, da sie besonders von bösen Blicken befallen seien – so zumindest der landläufige Aberglaube in der Türkei. Im benachbarten Video joggt die Künstlerin im Wald und man kann nur erahnen, dass es sich dabei vielleicht auch um ein Davonlaufen vor den kulturellen Konventionen der türkischen Kultur handelt. In der Diaprojektion überlagert die Künstlerin Dias aus dem Familienfundus, wobei aus der Mischung der Bilder ihrer deutschen Mutter und jenen ihres türkischen Vater eine beinahe surreal anmutende Welt entsteht – und zumindest auf dieser bildlichen Ebene scheinen alle sonstigen Differenzen vergessen.


Selma Alacam, Isolated and Protected ..., 2009, Kunsthaus Baselland
Selma Alacam, Ausstellungsansicht, 2010, Kunsthaus Baselland